Transitions

FESTIVAL JÜDISCHER GEGENWARTSKÜNSTE

Ausstellung

»TRANSITIONS« – Multimediale Ausstellung

 

Die Ausstellung bringt über 15 Künstler*innen aus Europa und dem amerikanischen Kontinent zusammen, die in ihrer künstlerischen Praxis den liminalen Raum, den Schwellenzustand des Um- und Aufbruchs, in dem sich die Gesellschaft gegenwärtig sozial und politisch befindet, erkunden und reflektieren. Die Ausstellung setzt sich mit diesem labilen Zustand der Zwischenexistenz auseinander – „a betwixt and between state” –, lässt sich auf das Potential der Veränderbarkeit ein und sucht nach ästhetischen Ausdrucksformen, die den Prozess des Übergangs, Transition, durch wehrhafte und widerständige Kunst mitgestalten.

Die Ausstellung verbindet künstlerische Positionen von Videoarbeiten über Fotografie zu Soundart, die sich gegenseitig stärken, herausfordern und befragen. Die Ausstellung ist auch das Ergebnis eines Gesprächs und Austausches zwischen den Künstler*innen. Ihre Werke und Ansätze sprechen aus einer Vielzahl unterschiedlich situierter jüdischer Positionen und machen so vielfältige Auseinandersetzungen mit politischen Ereignissen, Diskursen und Bewegungen sichtbar, kommentieren sie und nehmen Einfluss.

»TRANSITIONS« enstand in Zusammenarbeit mit und Förderung durch:

Vorwort Jo Frank & Julia Y. Alfandari

Liebe Gäste, liebe »TRANSITIONS«-Besucher*innen!

Das Konzept von Wehrhafter Kunst legt einen Akzent auf Kunst als gesellschaftliches Handeln, als Strategie der Veränderung. Statt Kunst passiv-kommentierend zu begreifen, ruft Wehrhafte Kunst zum Gestalten von Diskursen und Gesellschaft auf.

Mit Wehrhaftigkeit sind selbstbewusste, widerständige Positionen verbunden. Wehrhafte Kunst nimmt das emanzipatorische Potential der Kunst ernst und fordert Künstler*innen wie Publikum dazu auf, dieses Potential zur Realisierung zu bringen.

Die Ausstellung, die im Rahmen von »TRANSITIONS. Festival Jüdischer Gegenwartskünste« (18. – 20. August 2021), ihre Premiere in Berlin feiert, bringt Künstler*innen aus Europa und dem amerikanischen Kontinent zusammen. In ihrer künstlerischen Praxis erkunden und reflektieren sie den liminalen Raum, den Schwellenzustand des Um- und Aufbruchs, in dem sich unsere Gesellschaften gegenwärtig befinden. Die Ausstellung setzt sich mit diesem fragilen Zustand der Zwischenexistenz auseinander – „a betwixt and between state” –, lässt sich auf das Potential der Veränderbarkeit ein und sucht nach ästhetischen Ausdrucksformen, dem Prozess des Übergangs, der Transition, und möchte sie durch Wehrhafte Kunst mitgestalten.

Die Pandemie hat uns die Interdependenz und die Fragilität unserer Weltgemeinschaft aufgezeigt. Sie hat globale Bruchstellen sichtbar gemacht und uns alle auch persönlich vor bisher nicht gekannte Herausforderungen gestellt. In dieser Zeit des Übergangs werden auch in den Arbeiten jüdischer Künstler*innen globale Themen von höchster Relevanz und Dringlichkeit verhandelt: ungleich verteilte Folgen der Klimakatastrophe, Fragen nach einer verantwortlichen Globalisierung, nach Perspektiven in scheinbar antagonistischen Verhältnissen zwischen Universalismus und Partikularismus. Die Stärken identitätspolitischer Positionierungen wurden mit ihren Risiken abgewogen und der Antisemitismus in der Gegenwart fokussiert. Adressiert werden der Kampf gegen Rassismus, gegen die Abwertung, die Ausgrenzung und Gewalt gegen Menschen, die als „Andere“ markiert werden. (Post-)migrantische Erfahrungen, Auseinandersetzung mit dem Facettenreichtum jüdischer Familiengeschichten, Intergenerationalität, plurale Erinnerungskulturen, religiöse Traditionen und zeitgenössische Spiritualität – es werden zentrale Themen der jüdischen Gemeinschaft und unserer Gesellschaft von den Künstler*innen untersucht.

Eines wird bei den Werken in der Gesamtschau deutlich: Es werden Wege der Zusammenarbeit, der Kooperation, der Bündnisse gesucht. In diesem kooperativen Ansatz liegt ein Schlüssel zum Verständnis von »TRANSITIONS«: Wer bei einem Festival Jüdischer Gegenwartskünste einen mit Klezmer-Kitsch untermalten Isolationismus sucht, die* wird enttäuscht. Jüdische Kunst im Kontext ist nicht ohne Grund die Unterzeile von DAGESH; Kooperation ist auch keine programmatische Setzung – sie ist eine Beschreibung der Realität der künstlerischen Praxis jüdischer Künstler*innen. Die Ausstellung ist auch das Ergebnis über Monate geführter Gespräche und eines intensiven Austauschs zwischen den Künstler*innen. Die multimediale Ausstellung verbindet künstlerische Positionen von Videoarbeiten über Fotografie zu Soundart, die sich gegenseitig stärken, herausfordern und befragen. Ihre Werke sprechen aus einer Vielzahl unterschiedlich situierter jüdischer Positionen und machen so vielfältige Auseinandersetzungen mit politischen Ereignissen, Diskursen und Bewegungen sichtbar, kommentieren sie und gestalten sie.

Es ist eine widerständige Ausstellung. Eine, die Kennzeichen der beschriebenen Übergangsphase ist und nicht anders sein kann.

Mit Wehrhaftigkeit ist keine stumpfe martialische Geste verbunden, keine konsequenzenlose Aggression. Wehrhaftigkeit ist vor allem eines: Mut. Der Mut, die Stimme und Stimmen zu erheben, Gesellschaft(en) gestalten zu wollen. Wehrhaftigkeit kann auch dort zu finden sein, wo wir sie vielleicht nicht vermuten: In Vulnerabilität, in Schmerzräumen, in Traumata und kollektiver Trauer. Wehrhafte Kunst, die Stimme zu erheben, kann auch als Arbeit gegen jenes gesellschaftliche Schweigen verstanden werden, das Leiden, emanzipatorische Vielfalt und intersektionale Erinnerung verstummen lassen will, Schonung vorgibt und Verdrängung betreibt. Die Arbeiten, die in »TRANSITIONS« gezeigt werden, gehen einen anderen Weg: den Weg des Zuhörens und Hörbarmachens, der Kooperation, des Sichtbarmachens, einen Weg der Wehrhaftigkeit in Schonungslosigkeit. Der Resilienz und Widerständigkeit in Gemeinschaft. Der Potentiale der Pluralität.

Die Pluralität, die in der Ausstellung und auch beim Festival sichtbar wird, ist keine harmonische Pluralität. Die Künstler*innen nehmen unterschiedlichste, oft nicht zu vereinende Positionen ein. Sie widersprechen einander, fokussieren unterschiedlichste Bruchstellen ihrer Gesellschaften, ihrer Gemeinschaften, ihrer Communities. Die Internationalität der Ausstellung führt zwangsläufig dazu, dass unterschiedlichste Diskurse abgebildet werden. Ein europäischer Diskurs-Stand, gar ein deutscher Diskurs-Stand kann und möchte dabei nicht dominierend sein. Die kuratorische Entscheidung zur Herausforderung schließt uns alle ein. Dies alles ist auch ganz selbstverständlich: So wie es die jüdische Gemeinschaft nicht geben kann, kann es auch nicht die jüdische Kunst geben, die jüdische Wehrhaftigkeit. Was alle Künstler*innen aber zeigen, ist ihr Wille zur Mitgestaltung. Wir können die vertretenen Positionen mit Begeisterung aufnehmen, ihnen zustimmen, ihnen mit Irritation begegnen, sie ablehnen oder uns entscheiden, ihnen zuzuhören und sie in ihrer Andersartigkeit zu belassen – und darin trotzdem eine Möglichkeit des Zusammenkommens zu finden. In der Auseinandersetzung mit den Kunstwerken können wir ihre und unsere Positionen reflektieren. Miteinander diskutieren. Streiten. Mit dem Ziel, in unserer Differenz einen gesellschaftlichen Wechsel, pluralistisch und gemeinsam zu gestalten. DAGESH steht, und das wird bei »TRANSITIONS« besonders sichtbar, für einen Machloket ein, einen an Erkenntnisgewinn und Gestaltung ausgerichteten Streit. Und genau das macht den Pluralismus, den wir zeigen, den unharmonischen, dynamischen, widersprüchlichen, streitbaren Pluralismus zum produktiven Pluralismus.

DAGESH arbeitet in einem Raum, der ganz bewusst nicht einfach ist. Der neue Wege geht und sich ins Risiko wirft. Das ist uns nur möglich durch die Unterstützung derer, die es uns nicht nur ermöglichen, diesen Raum, diese Räume zu eröffnen, sondern mit uns gemeinsam an der Gestaltung dieser Räume arbeiten. Wir danken daher insbesondere dem Auswärtigen Amt und der Allianz Kulturstiftung für die Zusammenarbeit und Förderung.

Wir haben Sie, liebe Gäste, zu Beginn als »TRANSITIONS«-Besucher*innen begrüßt. Zum Schluss möchten wir das korrigieren: In dieser Zeit der Übergänge sind wir alle keine Besucher*innen. Wir alle sind gefragt, diesen Übergang zu gestalten.

Wenn Sie DAGESH dabei unterstützen möchten, sprechen Sie uns an!

Jo Frank & Julia Y. Alfandari

Einleitung Daniel Laufer

»TRANSITIONS« bringt 14 Kunstwerke internationaler Künstler*innen zusammen, die sich in ihrer Arbeit mit den Schnittpunkten und Gegensätzen von Geschichte und Kunstgeschichte, von Politik und jüdischer Alltagskultur aus-einandersetzen. Methodisch und medial orientieren sich die Arbeiten an einem fotografischen, audiovisuellen und kinematografischen Bezugssystem. Die Wehrhaftigkeit der Kunst ist allen Werken auf unterschiedliche Weise eingeschrieben. Sie gruppieren sich um zwei Schwerpunkte: Den Übergang von (Zeit)räumen, die sich in einem Prozess der ständigen Neubewertung und Transformation befinden einerseits und Übergänge durch Sprache (Sound) und Wörtern zu Bildern andererseits.

Die Arbeit timeprotocol.net von Liliana Farber eröffnet den Ausstellungsraum und verändert ihn zugleich: Zeitsynchronisation ist die Grundlage der elektronischen Kommunikation.  Die Webanwendung Network Time Protocol ist eine Arbeit, die die Ortszeit nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, anzeigt, anstatt dem UTC-Standard. Die halachische Stunde oder relative Stunde (shaʿah zǝmanit/שעה זמנית) ist die Berechnungsmethode und das System der Zeitwahrnehmung nach jüdischem Gesetz. Die Arbeit  bietet die Möglichkeit, sich durch eine kulturelle Zeitmessungsmethode mit anderen zu verbinden.

Zeit ist nicht nur ein abstraktes Konzept, das unser Denken strukturiert, sondern gliedert als Architektur auch den konkreten Raum, in dem wir uns bewegen und den wir teilweise nur nebenbei wahrnehmen. In der Ausstellung erfahren gerade diese Räume eine präzise Untersuchung und radikale Umwertung: Denkmäler werden zu Mahnmahlen (Eduard Freudmann, Schandwache), der scheinbar neutrale öffentliche Raum zu Mahnmahlen von Tatorten aus dem Zweiten Weltkrieg (Hadas Tapouchi, Memory Practice), unsichtbar gemachte Orte der jüdischen Community werden sichtbar (Nikola Radić Lucati, Ethnographer’s Argument) oder die Transformation von öffentlichen Räumen, in denen ein Busch zum Protagonisten und Dialogpartner wird (Elianna Renner und Oree Holban, The Talking Bush). Das Dialogische setzt sich fort in Interaktion zwischen Erinnerungen und ihren zeitlichen, materiellen und affektiven Kontinuitäten und Diskontinuitäten in den Videoarbeiten von Yara Haskiel (Precarious Twilight Zones) und Nikolay Karabinovych (Even further).

Im Zentrum der Arbeiten von Daniel Terna (Fred) und dem Krivoy Kolektiv (Chai Mikveh, Die vier Mitzwot der queer-sowjetisch-jüdischen Diaspora) steht der Körper selbst, der Raum und Zeit durchschreitet und gleichzeitig davon strukturiert wird. Der menschliche Körper besteht aus Schichten, Membranen, Stoffen, Haut und Flächen. Körper sind organisch, in ihnen lagern sich aber auch Geschichte, Traditionen, Bilder und Wörter ab. Das jüdische Tauchbad, die Mikwe, die Rite de Passage, durch die man spirituell gereinigt aus dem Wasser auftaucht, erlebt durch das Krivoy Kolektiv selbst eine Transformation: Aus dem persönlich individuellen Erlebnis wird ein kommunales Erleben in der Gemeinschaft.

Die Transformationsprozesse, die sich in Sprache, Sound und Wörtern niederschlagen und gleichzeitig von ihnen geformt und begleitet werden, bilden den zweiten Schwerpunkt der Ausstellung. Aus 40 Wortpaaren, aus Euphemismen und ihrer direkten Bedeutung, ergibt sich ein visuelles Gedicht (Katja Pilipenko, Synonyms), eine Klanglandkarte und narrative Musikkomposition fängt ein hörbares Universum ein, das einen Lebensraum, eine Kultur, eine umfassende Klangidentität beschreibt (Nicolás Melmann, Spread), ein generationenübergreifender Dialog mit der Musik von Simon & Garfunkel gipfelt in einer imaginären Antwort an die Musiker (Tamara Micner, Old Friends) und eine Audioarbeit lotet die Beziehung zwischen Jom Kippur und der Black Lives Matter-Bewegung aus (Carlos Metta und Aaron Samuels, Forgiveness).

Der Raum von »TRANSITIONS« ist kein statischer, sondern ein liminaler Schwebezustand, der sich ständig im Wandel befindet und in dem alles möglich erscheint. Die künstlerischen Perspektiven geben den Blick frei auf die Bedeutungen des räumlichen Dazwischen und hinterfragen damit zugleich ihr Gegenteil – wohlwissend, dass in jeder transitorischen Bewegung etwas verloren geht und im selben Moment etwas Neues entsteht.

Künstler*innen // Artists